"Mein enormer Perfektionismus fordert seinen Tribut"

"Mein enormer Perfektionismus fordert seinen Tribut"

Contentwarnung: Depression und Panikattacken

Nach einer Wochenbettdepression nochmal das „Wagnis“ eingehen und ein zweites bzw. weiteres Kind bekommen? Diese Frage stellen sich betroffene Frauen nicht selten. So auch Judith. Sie hat uns von ihrem Kinderwunsch nach Wochenbettdepression erzählt:

Erfahrungsbericht von Judith

 „Hallo, ich bin Judith, 30 Jahre alt, glücklich verheiratet und Mutter von zwei wundervollen Kindern. 

Doch damit ich diesen Satz heute so schreiben kann, musste ich einiges durchmachen und überstehen. 

Nach der Geburt meiner Tochter im Juli 2016 gab es für mich nichts wundervolleres als das Muttersein. Ich ging in meiner Rolle als frischgebackene Mama voll und ganz auf und dieses Glück strahlte ich auch aus. Ich wurde immer wieder darauf angesprochen, wie es einem nach einer Geburt so gut gehen kann, wie ich das alles unter einen Hut bekomme – denn bei mir zu Hause sei immer alles perfekt aufgeräumt, meine Tochter immer sauber angezogen, ich jeden Morgen frisch gestylt und natürlich immer gut gelaunt und nie gestresst. 

Doch der Schein trog und mein enormer Perfektionismus forderte irgendwann seinen Tribut. Ich konnte Nächte lang nicht mehr schlafen, lag in meinem Bett und sobald ich die Augen schloss, startete das Gedankenkarussell. Tagsüber war ich dann von der schlaflosen Nacht natürlich wie gerädert. Ich verlor immer wieder das Gefühl in Armen und Beinen, ich wusste einfach nicht was los war. Und durch die Tatsache, dass meine Tochter mit nicht einmal zwei Wochen durchgeschlafen hat, stieß ich auf ganz wenig Verständnis in meinem Familien- und Freundeskreis, warum ich denn immer müde bin. Zu den schlaflosen und müden Tagen kamen dann immer wieder Panikattacken und es war irgendwann so schlimm, dass viermal der Notarzt kommen musste. Durch diese Panikattacken war ich oft nicht mal mehr in der Lage mein Baby zu wickeln oder mit ihr spazieren zu gehen. Kurz gesagt, ich konnte meinen Alltag nicht mehr alleine meistern. Zu diesem Zeitpunkt war mein Mann derjenige, der mich wachrüttelte und mir sagte, dass ich mir unbedingt Hilfe holen muss, denn dieser Zustand dauerte jetzt schon über vier Monate an und so wie es war, konnte es nicht weitergehen. 

Ich wollte mir nie eingestehen, wie schlecht es mir wirklich ging und habe sogar meiner eigenen Mama immer wieder gesagt, dass ich keine Unterstützung brauche, denn alle anderen schaffen es ja auch allein und da jammert auch keine, wie schlecht es ihr geht – also muss ich das wohl doch auch alles alleine schaffen oder!? 

Aber durch das Wachrütteln durch meinen Mann habe ich dann mit einer Psychotherapeutin Kontakt aufgenommen. Als ich bei ihr in der Praxis saß und sie das erste Mal erwähnte, dass ich eine verspätete Kindbettdepression habe, brach für mich eine Welt zusammen. Ich fragte mich wieso ich, es war doch alles immer ‚perfekt‘, warum erst jetzt, mir ging es doch immer gut, wie geht es jetzt weiter – ich hatte so viele Fragen in meinem Kopf, aber bei meiner Therapeutin war ich von Anfang an in guten Händen. Nach nicht einmal 12 Wochen, war ich der neuen Situation voll gewachsen und ich lernte mich in meinem neuen Alltag zurecht zu finden und eben nicht immer alles perfekt zu machen. Denn wie sagt man so schön ‚Perfekte Mamas haben noch keine Kinder.‘ 

Diese Zeit war trotz der schnellen Besserung so einschneidend und prägend, dass bei meinem Mann und auch bei mir lange die Angst, dass ganze Erlebte durch ein zweites Kind noch einmal erleben zu müssen, größer war als der Wunsch nach einem Geschwisterkind. Ich hatte so große Angst davor, der Verantwortung für so ein kleines Lebewesen nicht gewachsen zu sein, denn da wird ja auch immer meine Große sein, die mich braucht. Habe ich so viel Liebe, dass diese für zwei Kinder reicht? Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass uns ein zweites Kind bereichern würde – doch ich wurde schon sehr bald vom Gegenteil überzeugt. 

Doch nochmal Mama werden?

Im Sommer 2019, als meine Tochter 3 Jahre alt war, äußerte mein Mann das erste Mal den Wunsch nach einem zweiten Kind. Doch ich war sofort wieder in einer Panik und sagte ihm, dass ich noch nicht so weit bin. Aber nach ein paar Monaten keimte auch in mir der Wunsch nach einem zweiten Kind und die Natur ließ uns gar nicht mehr lange darüber nachdenken, ob überhaupt und wann – 

denn im Dezember 2019 war ich mit unserem zweiten Kind schwanger. Die Tatsache, dass ich so schnell schwanger wurde, ließ mir gar nicht viel Zeit mir Gedanken über meine Ängste zu machen. Ich vertraute einfach darauf, dass es richtig war und machte Pläne, wie ich mir ein gutes Netzwerk an Hilfe aufbauen kann. Ich nahm dann ziemlich schnell wieder Kontakt zu meiner damaligen Psychotherapeutin auf, um mit ihr über meine größte Angst noch einmal so eine Kindbettdepression zu erleben, zu reden. In diesem Gespräch wurde mir schnell bewusst, dass die Tatsache alleine, dass ich das alles schon einmal erlebt habe nichts Negatives, sondern ganz im Gegenteil für meine Zukunft wirklich positiv ist. Ich lernte auf die frühen Signale von meinem Körper zu achten und vereinbarte mit ihr, sobald ich auch nur das kleinste Anzeichen wahrnehme, dass es mir nicht gut geht, ich mich jederzeit bei ihr melden kann. Da sie zum Zeitpunkt des errechneten Geburtstermin auf Urlaub war, hat sie mir sogar Kontaktdaten mitgegeben, wo ich mich melden kann, sollte sie nicht erreichbar sein. Und meiner Meinung nach war genau diese Tatsache, dass ich wusste, wenn es mir nicht gut geht, ich weiß, wo ich mich hinwenden kann, meine allergrößte Hilfe. Denn als ich meine Wochenbettdepression durchlebte, wusste ich am Anfang nicht, wo ich mir Hilfe holen kann und fühlte mich so allein gelassen. 

Am Ende zählt: schaut auf euch!

Und was soll ich sagen!? Es war die beste Entscheidung in unserem Leben, unser Sohn hat unser Leben mehr als nur bereichert, er hat uns gezeigt, dass Kinder die wahren Wunder des Lebens sind. Dieser kleine Junge hat unser Leben nochmal so richtig auf den Kopf gestellt, aber wir beide waren noch nie an dem Punkt, dass wir unsere Entscheidung in Frage stellten oder sogar bereuten. Sicher muss man ehrlich sein und das Leben mit zwei Kindern stellt einem immer wieder vor neue Herausforderungen. Aber wenn ich meine zwei Kinder anschaue, wie sie miteinander aufwachsen können, wie sie miteinander spielen und hin und wieder auch streiten, bin ich der festen Überzeugung, dass es für uns als Familie die richtige Entscheidung war. Unsere Tochter genießt ihre Rolle als große Schwester und sie ist so stolz, wenn sie ihm immer wieder was Neues beibringen kann. 

Ich für mich kann nur sagen, dass ich nie eine andere Entscheidung treffen würde, wenn ich nochmal vor der Wahl stehen würde – zweites Kind, ja oder nein? Aber was das wichtigste ist, dass ich allen werdenden Mamas auf den Weg geben kann, nehmt euch immer wieder eine kleine Auszeit, fordert diese Zeit nur für euch ein und seid auch mal egoistisch. Denn nur wenn es euch gut geht, könnt ihr vollkommen für eure Kinder da sein und dann geht es ihnen auch gut. 


Du suchst Hilfe?

Wenn du mehr über die Wochenbettdepression und ihre Symptomatik erfahren willst, lies dazu gerne in unserem Blogartikel „Mehr als nur ein Blues“ nach.

Für Unterstützungsmöglichkeiten schau in unserem Hilfe-Bereich vorbei oder wende dich an den Verein Schatten & Licht e.V.

Wenn du nichts passendes findest, schreib uns eine Mail an info@mamafuersorge.com, wir beraten dich individuell.

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