Vorgeburtliche Bindungsanalyse

Vorgeburtliche Bindungsanalyse

Die vorgeburtliche Bindungsanalyse, in Österreich auch vorgeburtliche Beziehungsförderung, ist eine Methode zur Vorbereitung auf die Elternschaft, aber auch der Verarbeitung von belastenden, vorangegangenen Schwangerschafts- und Geburtserfahrungen.

Wann macht das Sinn?

Unter gewissen Umständen kann es einer schwangeren Frau schwerfallen, sich auf ihre Schwangerschaft einzulassen. Zum Beispiel eine ungeplante Schwangerschaft, die die ganze Lebensplanung durcheinanderwirft. Auch eine Regenbogenschwangerschaft, also die erneute Schwangerschaft nach einer oder mehreren Fehlgeburt/en, stellt eine Schwangere vor bestimmte Probleme. Eines davon ist Angst. Der eisige Griff der Angst, diesen Schmerz erneut erleben zu müssen, überschattet alles. Auch die Freude, über das neue Leben, welches in einem heranwächst. Das Gefühl der Hilflosigkeit kann lähmend sein. Da kann es sinnvoller erscheinen, sich nicht zu freuen und keine innere Beziehung aufzubauen.

Ähnliches gilt für einen sehr langen und beschwerlichen Kinderwunsch-Weg. Neben den vielen Enttäuschungen können die Beschwernisse dieser Zeit ein Grund dafür sein, warum die werdende Mutter nicht zur Ruhe kommen kann oder bereits viel zu erschöpft ist, um mit der Schwangerschaft gut umgehen zu können. Einige Betroffene berichten auch von starken Schuldgefühlen, dass sie es nun „geschafft“ haben, während andere immer noch sehnsüchtig auf eine Schwangerschaft warten. Diese und ähnliche Rahmenbedingungen erschweren den Start in die Mutterschaft.

So weiß die Pränatalforschung, dass sich das Empfinden der Unerwünschtheit beispielsweise in einem geringeren Geburtsgewicht niederschlägt. Gleichzeitig fällt es Müttern, die ihre Schwangerschaft als sehr belastend empfunden haben, auch schwerer, mit ihrem Baby in Kontakt zu treten und eine Bindung aufzubauen. Und wenn wir eines, dank John Bowlby, heute ganz sicher wissen, dann dass eine sichere Bindung zu mindestens einer verfügbaren Bezugsperson für die frühkindliche Entwicklung essentiell ist. 


Dank der beiden ungarischen Psychologen Jenö Raffai und György Hidas (1990) gibt es heute einen Ansatz, der bereits in der Schwangerschaft die Beziehung zum Ungeborenen fördert: die vorgeburtliche Bindungsanalyse, in Österreich vorgeburtliche Beziehungsförderung genannt. Dabei handelt es sich um eine Form der Schwangerschaftsbegleitung, die es Müttern, aber auch Vätern, ermöglicht auf sanfte und wirksame Weise mit dem Baby in Kontakt zu treten und den Weg für eine gelingende Mutter-Kind-Beziehung zu ebnen.

Um diesen Kontakt herzustellen werden auch Blockaden der Mutter, die aus ihrer eigenen Geschichte hervorgehen, bearbeitet und gelöst. Obwohl die Bindungsanalyse auch von PsychotherapeutInnen durchgeführt wird, handelt es sich dabei nicht um eine Psychotherapie, sondern um eine präventive Maßnahme. Ziel ist ein „Bindungsraum, der für beide durchdringbar und verstehbar ist, wo die Emotionen teilbar und austauschbar werden und die Bindung selbst dabei regulierbar, differenziert und harmonisch gemacht werden kann“ (Raffai, 1999).

Die positiven Effekte der vorgeburtlichen Bindungsanalyse, so Aktion Leben Österreich, sind leichtere Geburten, weniger Kaiserschnitte und weniger zu früh geborene Kinder. Das gilt für Schwangere mit und ohne Vorbelastungen. Auch ohne die erwähnten Vorbelastungen ist klar: Für Entspannung zu sorgen, mit dem Baby in Kontakt zu treten und versuchen, die Schwangerschaft zu genießen, ist wichtig. Meist tun Mütter dies ganz intuitiv, so denn möglich. Sie singen, massieren ihren Bauch, erzählen dem Baby von ihrem Alltag oder lesen ihm eine Gute-Nacht-Geschichte vor.

Leider gibt es manchmal Umstände, die das erschweren oder verhindern, Schwangerschaftsverläufe, bei denen das Unangenehme überwiegt. Begleitet von viel Übelkeit, Komplikationen und Bettruhe zum Beispiel. Oder in Kombination mit Erschöpfungszuständen auf Grund einer langen Kinderwunschbehandlung. Womöglich begleitet von psychischen Belastungen, wie Unerwünschtheit, Sorgen und Ängste um die Zukunft, Trauerbewältigung, ob eines vorangegangenen Verlustes, oder eine belastende Partnerschaft. Erlebtes kann, bewusst oder unbewusst, dazu führen, dass eine werdende Mutter ihre Gefühle für das Ungeborene auf Eis legt und sich innerlich wie äußerlich distanziert.

Das österreichische Institut für Familienforschung berichtet in seiner Dokumentation von Erfahrungen mit der Methode der Bindungsanalyse (2016) auch von der positiven Wirkung der Beziehungsförderung, wenn ein starker Geschlechterwunsch vorkam. Hatten sich die Eltern innerlich bereits auf ein bestimmtes Geschlecht eingestellt und erfuhren Gegenteiliges, löst dies einen Beziehungsabbruch aus. Diese muss dann wieder neu, gefühlt zu einem anderen kleinen Wesen, aufgebaut werden. Hierbei erwies sich die vorgeburtliche Bindungsanalyse als sehr hilfreich. 

Die Umstände sind so individuell wie die Schwangeren, die sich mit ihnen konfrontiert sehen. Machen wir also die Antwort auf die Frage „Wann macht das Sinn?“ an deinem eigenen Gespür fest: Macht sich in dir eine Hemmung breit, wenn wir hier darüber sprechen, wie du mit deinem ungeborenen Kind in Kontakt treten könntest? Spürst du einen inneren Widerstand, dich auf diese Schwangerschaft und dieses Baby einzulassen? Empfindest du diese ganze Zeit nur als Mühsal und Last und willst, dass es endlich vorbei ist? Fühlst du eine große Distanz zwischen dir und deinem Baby, oder fühlst du gar nichts? Oder möchtest du für dich und dein Baby einfach den bestmöglichen Start? Dann ist die vorgeburtliche Bindungsanalyse bzw. Beziehungsförderung – angeleitet oder als Buch (‚Bauchgeflüster‚ von Sabine Schlotz) – bestimmt etwas für dich! 

Wie funktioniert das?

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Das bedeutet, betrachtet man die Herkunft des Wortes „sozial“, dass der Mensch ein verbundenes Wesen ist. Die vorgeburtliche Bindungsanalyse geht davon aus, dass das auch schon für Babys im Mutterleib gilt, denn sie sind über körperliche Prozesse mit der Mutter verbunden und reagieren darauf. Schon die kleinste Einheit, die Zelle, kann kommunizieren, denn sie nimmt Botenstoffe wahr und ‚antwortet‘, indem sie beispielsweise Enzyme produziert. Sie ist sogar im Stande sich kleine Notizen zu machen (Markierungen auf ihrem genetischen Material) und die darin enthaltene Information an die nächste Generation weiterzugeben. Frei nach Paul Watzlawick: „Man kann eben nicht nicht kommunizieren.“ Alles in uns, sogar unsere kleinste Einheit, ist auf Kommunikation ausgelegt. Mit voranschreitender Entwicklung erhöhen sich auch die Kommunikationsmöglichkeiten. Die Sinnesorgane entwickeln sich im Mutterleib und ermöglichen es dem Baby, die Außenwelt wahrzunehmen. Gleichzeitig spürt das Baby seine eigene Welt, die Mutter um sich herum, zu jederzeit ganz deutlich und reagiert darauf. Ein kleines Beispiel, um das zu verdeutlichen: Empfinden wir Stress, spannen sich unsere Muskeln an und alles in uns zieht sich zusammen. Unser Herzschlag erhöht sich und wir atmen schneller. Betrachten wir die Situation aus Sicht des Babys, wird plötzlich alles eng um uns herum, das Rauschen wird lauter und das Wummern immer schneller. Das Baby spürt also, mal ganz abgesehen von den Stresshormonen, die es über die Nabelschnur erhält, auch an den körperlichen Reaktionen der Mutter, dass irgendwas nicht stimmt und wird selbst unruhig. Atmen wir hingegen ganz tief und langsam, weil wir entspannt und glücklich sind, wird unser Rumpf ganz weich und locker. Durch die vertiefte Atmung hebt und senkt sich die Bauchdecke und der Raum um das Kind wird ruhiger und größer. 

In dieser einmaligen, engen Verbindung zwischen Mutter und heranwachsendem Kind liegt Risiko und Chance zugleich. Denn es übertragen sich sowohl die positiven als auch die negativen psychischen und physischen Regungen auf das Ungeborene. Hierin liegt die Chance, wenn wir uns dieser Verbindung ganz bewusst sind und sie dementsprechend nutzen. Denn Stress und andere negative Empfindungen lassen sich nicht vermeiden. Schon der Versuch würde wiederum zu Stress und Angst führen und das wäre ganz und gar nicht zielführend. Aber auf Stress kann eine, für Mutter wie Kind, positive Erfahrung intensiven Kontakts folgen. Ein liebevolles Überschreiben sozusagen. Außerdem identifiziert die angeleitete Bindungsanalyse innerpsychische Stressoren der Mutter und hilft ihr dabei, einen für Mutter und Kind angenehmeren Umgang damit zu lernen beziehungsweise diese Stressoren gänzlich aufzulösen.    

Idealerweise beginnt die Beziehungsförderung vor der 20. Schwangerschaftswoche und wird professionell, von einem/r BeraterIn, Hebamme oder PsychotherapeutIn mit entsprechender Fortbildung, angeleitet. In den ersten beiden Stunden erfasst die anleitende Person biografische Informationen der Mutter und alles Wissenswerte rund um die Schwangerschaft. Es wird versucht, ein umfassendes Bild der derzeitigen Lebenssituation zu erhalten. Dabei sollen vorrangig jene Themen identifiziert werden, die jetzt blockierend auf die Beziehung einwirken. In dieser Zeit, wie auch in den Stunden danach, ist Raum für die Sorgen und Ängste, Hemmungen und Widerstände. Im Anschluss daran folgen die wöchentlichen Babystunden, deren Fokus auf den psychischen Vorgängen des Babys und seinen Gefühlen liegt. Hier wird der Psyche und Persönlichkeit des Ungeborenen bereits ein sicherer Raum geboten, in dem es erfährt, dass es angenommen, geliebt und wertgeschätzt wird.

Die Feinfühligkeit, die nach Bowlby und allen weiteren VertreterInnen der Bindungsorientierten Elternschaft so zentral für die Entstehung sicherer Bindung ist, wird hier bereits dem Fötus zuteil. Durch intensives ‚In-sich-hineinlauschen‘ lernt die Mutter, die Bedürfnisse des Kindes zu erspüren und zu respektieren. Um den ersten Schritt Richtung Kontakt zu unternehmen  gibt es in diesen Babystunden drei Wege des Kontakts: die bildhafte Kommunikation, den inneren Dialog und das Kommunizieren über Körperempfindungen. Gegen Ende der Schwangerschaft rückt dann der Fokus wieder auf die Mutter, die hier die Möglichkeit bekommt, sich von der Schwangerschaft und dieser sehr intensiven Verbindung zu verabschieden. So gern man am Ende auch möchte, dass es endlich vorbei ist und man nicht mehr unförmig durch die Gegend watschelt (oder das Sodbrennen endlich ein Ende nimmt!), so schmerzhaft und beängstigend kann diese erste Trennung doch auch sein. Dieser Trennung wird hier Raum gegeben, was in der pränatalen Begleitung einmalig ist. 

Diese bewussten Strategien zum psychischen Umgang mit einer Schwangerschaft und einer Stärkung der Mutter-Kind-Beziehung bereits im Bauch haben, neben einer bereits erwähnten deutlich geringeren Kaiserschnitt- und Frühgeburtsrate, auch ein sehr seltenes Auftreten postpartaler Depressionen zur Folge. In den über 3000 von G. Hidas und J. Raffai selbst begleiteten Schwangerschaften kam es nicht einmal zu einer Wochenbettdepression.   

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